10. Todestag von Hunter S. Thompson: „Free Enterprise. The American Dream. Pure Gonzo!“


Als Bill Cardoso im Jahr 1970 die Notizen seines Kollegen Hunter S. Thompson zum Kentucky-Derby in Louisville vor sich liegen sah, musste er schon geahnt haben, dass daraus etwas ziemlich Großes entstehen wird. Der junge Thompson, der eigentlich über den Verlauf des Pferderennens berichten sollte, hatte kurz vor Redaktionsschluss keinen brauchbaren Artikel zusammenbekommen. Um überhaupt etwas vorlegen zu können, entschied er sich dazu seine Notizen zur Atmosphäre sowie dem grotesken Benehmen der neureichen und zockenden Gesellschaft, der er sich kurzerhand anschloss, an Cardoso zu übermitteln. „I don’t know what the fuck you’re doing, but you’ve changed everything. It’s totally gonzo“, soll er geantwortet haben. „If this is a start, keep rolling!“

Dass es sich hierbei tatsächlich um einen Start handelte, hat man bereits kurze Zeit später erkannt, denn die aus dieser Korrespondenz entstandene Reportage „The Kentucky Derby is Decadent and Depraved“ sollte fortan die Geburtsstunde des sogenannten Gonzo-Journalismus markieren – einer Form des New Journalism, die sich dahingehend auszeichnet, nicht nur die subjektive Perspektive des Autors in der Berichterstattung zuzulassen, sondern ihn sogar selbst in Beziehung zu den Ereignissen zu setzen. Unter damaligen Aspekten war das eine handfeste Entgleisung, denn der Grundsatz der Objektivität im Journalismus galt als oberstes Gebot unter den seriösen Vertretern der Zunft und wird auch heute noch von vielen Journalisten hochgehalten, wenn es darum geht, dass ein Autor eine Distanz zu den Protagonisten der Geschichte zu wahren hat (… übrigens eine Haltung, von der man sich in der heutigen Zeit der Weblogs immer weiter entfernt).

Free Enterprise. The American Dream. Pure Gonzo!

Hunter S. Thompson: „What was the story? Nobody had bothered to say.“ (Bild: tetw.org)

Hunter S. Thompson: „What was the story? Nobody had bothered to say.“ (Bild: tetw.org)

Doch was meinte Cardoso eigentlich mit „gonzo“? Was steckt dahinter? Übersetzt bedeutet es so viel wie „verrückt“, „exzentrisch“, „bizarr“ oder auch „hemmungslos“ – die genaue Bedeutung ist umstritten. Thomas Hüetlin, ein Bekannter des „Dr. Gonzo“, behauptete 2005 in einem Nachruf auf den Journalisten, dass der Begriff für manche so viel wie „letzter Mann, der nach einer durchzechten Nacht an der Theke stehen bleibt“ bedeute. Thompson selbst fand in seinem 1971 erschienenen und weltberühmten Buch „Fear and Loathing in Las Vegas: A Savage Journey to the Heart of the American Dream“ folgende Worte: „What was the story? Nobody had bothered to say. So we would have to drum it up on our own. Free Enterprise. The American Dream. Horatio Alger gone mad on drugs in Las Vegas. Do it now: pure Gonzo journalism.“

Fear and Loathing in Las Vegas: Hunter S. Thompson und  Oscar Zeta Acosta im Jahr 1971. (Bild: Wikimedia)

Fear and Loathing in Las Vegas: Hunter S. Thompson und Oscar Zeta Acosta im Jahr 1971. (Bild: Wikimedia)

Das Besondere an Gonzo ist zweifelsohne, dass er in seiner Perspektive für jeden, außer für den Autor selbst, ziemlich ungemütlich werden kann. Denn der Verfasser ist völlig befreit von jeder Regel und bestimmt wer oder was in den Mittelpunkt der Erzählung gerät – auch wenn es sich dabei um eine nichtsahnende Randfigur handelt, die mit der Story eigentlich nur entfernt etwas zu tun hat.

Schöner sind natürlich Worte, wie die von Hüetlin, denn der Vergleich sagt in seiner Kürze alles Relevante über die Stilrichtung aus und passt im Grunde genommen auch hervorragend zu Hunter S. Thompson selbst. Unter Alkohol und Drogen, lief er nämlich zur Höchstform auf. Wo andere längst umgekippt wären, brachten Whiskey und Kokain den inneren Impuls, um die oft kopierte und dennoch nie erreichte Gonzo-Qualität abzuliefern. Seine besten Stücke – Bücher, Essays und Reportagen – sind unter massiven Einfluss von Betäubungsmitteln entstanden.

Hunter S. Thompson war ein Kind der Gegenkultur…

Hunter S. Thompson war insofern nicht nur ein Rebell im Journalismus, er war auch der Inbegriff eines Kindes der 1960iger-Jahre – und zwar mit allem was dazu gehört. Drogen- und Alkoholexzesse, die das Bewusstsein erweiterten, waren für ihn nicht nur ein probates Mittel, um den Blick zu erweitern, sondern auch um eigene Zweifel zu zerstreuen. Frei zu sein von Konventionen, bedeutete für ihn auch frei zu sein beim Schreiben. Zweifel an seiner Arbeit nagten nämlich oft an ihm – und das obwohl oder gerade weil er einen Reportage-Auftrag in der Regel als Herausforderung zu einem bezahlten Riesenfiasko ansah.

Ebenso wie die Liebe zum Rausch, teilte er mit der Gegengeneration auch die inbrünstige Kritik an der korrupten Politik seines Landes. Thompson, der aus einer hochgebildeten Südstaatenfamilie stammt, haderte stark mit der Scheinheiligkeit und der Machtbesessenheit vieler US-amerikanischer Volksvertreter. Er bezeichnete Richard Nixon in einem vielbeachteten Artikel für den Rolling Stone als ein politisches Monster, das einem die Hand schüttelt und gleichzeitig ein Messer in den Rücken rammt. Ronald Reagan hielt er für den Fahnenschwenker einer Gang kalifornischer Raubtier-Kapitalisten. Und für George W. Bush fand er ebenso wenig anerkennende Worte, als er ihn in der Öffentlichkeit als „the goofy child president“ vorführte.

Seine Abneigung gegen das Establishment ging sogar so weit, dass Thompson nicht einmal vor dem perfidesten Vergleich der Vergleiche zurückschreckte. In „Königreich der Angst“ – dem letzten Buch, das Thompson vor seinem Tod veröffentlichte – schrieb er unter anderem: „Coming of age in a fascist police state will not be a barrel of fun for anybody, much less for people like me, who are not inclined to suffer Nazis gladly […].“ Sätze wie diese schlugen wie Granaten ein und dürften auch unter Politikern nicht ungehört geblieben sein.

… mit einem Faible für Schusswaffen

Doch wer Hunter S. Thompson jetzt für einen typischen Hippie hält, irrt gewaltig. Er wäre nicht er selbst gewesen, wenn er so leicht in eine Schublade hätte gesteckt werden können. Ebenso bekannt wie sein Hang zum Rausch und seine Abneigung gegenüber Politikern, war seine Vorliebe für Schusswaffen jeglicher Art. Mit den Ambitionen der 68iger passte das wenig zusammen. Doch für Thompson musste es knallen und rauchen. Und zwar nicht nur in der Pfeife und in seinen Reportagen, sondern auch auf dem Schießplatz. Egal ob Colt, Magnum oder Pumpgun – sie waren ein Teil seiner komplexen Persönlichkeit. Ein gänzlich gegenteiliges Bild von einem langhaarigen Hippie, oder?

Sein großes Vorbild dürfte insofern eher Ernest Hemmingway als Jimi Hendrix gewesen sein, denn wie Peter Münder vom Culture-Mag so schön schrieb, lag auch bei ihm „die Knarre neben der Schreibmaschine stets griffbereit und die Whiskeyflasche war immer gut gefüllt“. Wie sehr Hemmingway und Thompson tatsächlich aus dem gleichen Holz geschnitzt waren, lässt auch der wohlgewählte Abgang der beiden Koryphäen vermuten. Beide haben sich in fortgeschrittenem Alter nämlich die Kugel gegeben. Hemmingway mit 62 Jahren, am 2. Juli 1961. Thompson mit 67 Jahren, am 20. Februar 2005.

Der Nachlass

Hunter S. Thompson hat diese Tat von langer Hand geplant und des Öfteren auch angekündigt, wie sein Sohn damals gegenüber der Presse bekannt gab. Die Welt war ihm wohl suspekt geworden. Und auch er selbst schien zum Schluss seiner Tage nicht mehr ganz Herr seiner Sinne gewesen zu sein. Neben seiner Familie und einem beachtlichen Vermögen, hinterließ er einen Berg komplett verrückter Geschichten – viele waren selbst geschrieben und mindestens genauso viel von nahestehenden Personen überliefert.

Hunter S. Thompsons erstes Buch: „The Hell’s Angels – Strange and Terrible Saga of the Outlaw Motorcycle Gangs" (Bild: ProspectiveDeath)

Hunter S. Thompsons erstes Buch: „The Hell’s Angels – Strange and Terrible Saga of the Outlaw Motorcycle Gangs“ (Bild: ProspectiveDeath)

Unterschlagen wurde in diesem Text beispielsweise die Geschichte, um die Fehde mit den führenden Köpfen der Hell’s Angels, die an seinem Buchhonorar zu „The Hell’s Angels – Strange and Terrible Saga of the Outlaw Motorcycle Gangs“ beteiligt werden wollten. Im Streit um das Geld haben sie Thompson sogar zum Freiwild erklärt. Auch ist nicht darauf eingegangen worden, dass er sich 1970 zur Wahl des Sheriffs in Aspen, Colorado aufstellen ließ – und sich unter anderem für die Legalisierung von Marihuana und der Änderung des Stadtnamens in „Fat City“ einsetzte. Oder dass Thompson seine Asche bei der Beisetzung von einer riesigen Kanone aus der sogenannten Gonzo-Faust in den Himmel schießen ließ. Alleine über diese Begebenheiten könnten endlose Abhandlungen verfasst werden. So gut wie alle Geschichten gehören zweifelsohne zu den aufregendsten, die je ein einziger Autor der Welt hinterlassen hat.

In diesem Sinne – um es mit den Worten von Oscar Zeta Acosta in der Fear-and-Loathing-Verfilmung zu sagen – möchte ich euch „als euer Anwalt dazu raten“, einen Blick in die unten verlinkten Artikel zu werfen und den ein oder anderen erinnerungswürdigen Beitrag in die Newsfeeds oder Messenger-Gruppen eurer Freunde zu blasen – um einem der letzten amerikanischen Rebellen die Ehre zu erweisen. Wer sich jedoch lieber herausgefordert sieht Thompson mit einer kleinen Alkohol- oder Drogenexzesse oder ein paar abgeschossener Kugeln gen Himmel zu gedenken, wird ihm, wo immer er gerade steckt, sicherlich ein hallendes Lachen entlocken – allerdings möchte ich hier niemandem auf falsche Gedanken bringen! (#TGIF!).

R.I.P Hunter Stockton Thompson!

Hunter S. Thompson auf der Miami Bookfair International, 1988. (Bild: Wikimedia)

Hunter S. Thompson auf der Miami Bookfair International, 1988. (Bild: Wikimedia)

The Motorcycle Gangs: Losers and Outsiders“ (The Nation, 1965)

The Hippies“ (Collier’s, 1968)

The Kentucky Derby is Decadent and Depraved“ (Scanlan’s Monthly, 1970)

Fear and Loathing in Las Vegas“ (Rolling Stone, 1971)

Fear and Loathing on the Campaign Trail in ’72“ (Rolling Stone, 1973)

The Curse of Lono“ (Playboy, 1983)

He Was a Crook“ (Rolling Stone, 1994)

Doomed Love at the Taco Stand“ (Time, 2001)

Fear & Loathing in America“ (ESPN.com, 2001)

„Prisoner of Denver“ (Vanity Fair, 2004)

Shotgun Golf with Bill Murray“ (ESPN.com, 2005)

9 Rare and Early Articles of Hunter S. Thompson“ (Diverse, 1961 – 1995)


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