WIRED Deutschland – Was ich erwarte und womit man rechnen muss

Gewartet habe ich da schon lange drauf. WIRED Deutschland ist vor ein paar Tagen offiziell aus der Testphase getreten und als Fan des legendären US-Magazins blickte ich mit großer Vorfreude auf diesen Tag. Seit 1993 gibt es das Magazin in den Staaten. Seit mehr als 20 Jahren also informieren die Macher bereits über den digitalen Wandel in Wirtschaft, vor allem aber in der Gesellschaft. Immer mit einem Blick auf zukünftige Innovationen, mit dem Riecher für skurrile, ja fast wahnsinnige Geschichten von Erfindern und Entrepreneuren. Vor allem zu Zeiten von Chris Anderson hat das Magazin sehr lesenswerte Artikel veröffentlicht, die zweifelsohne erstaunt haben. Die Frage stellt sich mir als treuer Leser natürlich: Wird WIRED Deutschland daran anknüpfen?

Deutsche WIRED-Ausgabe. (Bild: WIRED)

Deutsche WIRED-Erstausgabe. (Bild: WIRED)

Ich denke WIRED Deutschland wird anders sein – anders als in den USA und zu Zeiten Andersons. Deutschland guckt weniger euphorisch in die technologische Zukunft und besitzt ein anderes Wertekonstrukt – der Vergleich fällt mir nicht schwer, da ich derzeit im Silicon Valley sitze und die Mentalitäten ganz genau beobachte. Wahrscheinlich ist das auch der Grund, warum der Schritt auf den hiesigen Markt in der Vergangenheit so zaghaft war: WIRED Deutschland startete 2011 in Form einer Testausgabe als Beilage zum GQ-Magazin. Es folgten bis ins Jahr 2013 weitere unregelmäßige Testausgaben. Man wollte womöglich lernen, worauf Leser und Kritiker reagieren. Nun sehen wir endlich – mit etwas mehr Selbstbewusstsein – die hoffentlich lange andauernde Publikation mit einer Startauflage von immerhin 120.000 Exemplaren.

Was wird wohl den Inhalt ausmachen? Ich denke, die Macher werden einen Spagat von innovativen Zukunfts-Themen und gesunden Gegenwarts-Realismus bringen müssen – denn der deutsche Leser ist eher pragmatisch veranlagt. Er will wissen was gerade geht und weniger was Übermorgen mal gehen könnte. So zumindest ist meine Erfahrung, die ich in der Vergangenheit als Projektleiter der Netzpiloten und aktuell als Redakteur beim t3n-Magazin gesammelt habe. Artikel über Mini-Roboter, die ganze Wohnhäuser drucken; Startups, die das Weltall erobern oder intelligente Städte, die per Algorithmen die Versorgung mit Strom und Wasser sichern wollen, sind aus deutscher Perspektive so „Special Interest“, dass der Leser gerne weiter klickt (oder blättert) und sich eher fragt, welche Produktivitäts-Apps es gerade so gibt. Dem muss man sich wohl beugen.

The Untold Story. (Bild: Wired.com)

The Untold Story. (Bild: WIRED)

Davon abgesehen, freue ich mich aber besonders auf die vielen extrem interessanten Portraits, die das Magazin so hervorragend beherrscht und die IMMER sehr gut recherchiert sind. Sei es über ein spannendes Forscher-Projekt, ein neues Startup oder eine aufregende Person. Die Macher haben schon oft Protagonisten der Zeitgeschichte getroffen, über sie umfassend geschrieben und damit selbst den richtig großen Flaggschiffen der Medienbranche hin und wieder ein Schnippchen geschlagen. Zuletzt mit der extrem großartigen Titelgeschichte „The Untold Story“ an der niemand Geringeres als Edward Snowden beteiligt war und die im Sommer dieses Jahres nicht nur mein uneingeschränktes Interesse gewann. Ja, sowas möchte ich auf jeden Fall lesen!

Was mir ebenfalls seit jeher am WIRED-Magazin gefällt – und was die Macher auch für die Deutschland-Ausgabe versprechen – ist, dass sie über technische Innovation in allen Lebensbereichen berichten und nicht am Laptop oder am Smartphone sowie im Büro oder auf der heimischen Couch Stop machen. Insofern überrascht der Chefredakteur Nikoaus Röttger und sein Team – trotz deutschem Pragmatismus – hoffentlich ausdauernd mit Artikeln, wie dem um die Weiterentwicklung der Landwirtschaft. Der Artikel „Der Salat der Zukunft kommt von der Server-Farm“ beschreibt beispielsweise, wie das CityFarm-Projekt des MIT-Forschers Celeb Harper mit datenwissenschaftlichen Mitteln Ernteerträge auf kleinsten Raum steigern und damit dem innerstädtischen Trend des „Urban Farming“ einen Auftrieb verschaffen will. Das sind für die Menschheit wirklich wichtige Impulse, darüber will ich ebenfalls ganz viel lesen!

Ich setze großes Interesse in den Deutschland-Start. Auf das Magazin wird die Medien- und Tech-Landschaft erst einmal eine Zeit lang genauer schauen. Ich werde mich dem anschließen und in einem Atemzug mit der Veröffentlichung dieses Blog-Beitrags ein Abonnement abschließen. Vor allem weil mich die Themen brennend interessieren und auch, weil ich sehen möchte, wie sich das Blatt hierzulande macht.


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