Wie ich San Francisco erlebt habe – und warum ich die Mentalität der Einwohner als beispielhaft empfinde

Sicherlich, eine Woche reicht nicht aus um eine Stadt wie San Francisco in seiner Gänze zu verstehen. Aber eine Woche reicht aus, um einen kleinen Eindruck vom Leben der Bewohner mit ihren unverkennbaren Stil, deren Bedürfnisse und den lokalen Besonderheiten einzufangen. Ein Resümee eines wunderbaren Aufenthalts, der mir vor allem mehr über die kalifornische Mentalität verraten hat.

San Francisco: Der erste Eindruck war getrübt

san francisco cable car

Als Netzjournalist bekommt man gelegentlich die Chance, sich an die Orte zu begeben, an denen die Geschichten, die einen bewegen, geschrieben werden: in diesem Fall geht es um San Francisco und das anliegende Silicon Valley – quasi dem Sonnendeck und zugleich dem Maschinenraum der Technologie-Branche. Die Umstände waren geradezu perfekt: Seitdem mein Kollege Moritz für einige Monate als Korrespondent sein Lager im Mission District aufgeschlagen hat, bot es sich förmlich an ihn für ein paar Tage zu besuchen. Die Flüge waren recht günstig und die Übernachtung war kostenlos – worauf also warten? Urlaub eingereicht, Tickets eingetütet und ab in den Flieger.

Was jetzt erst einmal total entspannt klingt, wurde kurz vor Abflug jedoch zu einer kleinen Geduldsprobe. So launisch und wechselhaft wie das Wetter in der San-Francisco-Bay manchmal sein kann, war auch die Haltung der Vermieter von Moritz, die unserem Besuch zwar erst zugesagt, dann aber drei Tage vor Reiseantritt abgesagt haben – aus nicht ganz nachvollziehbaren Gründen. Das war schon bitter, vor allem wenn man sich die Hotelpreise in der Stadt anschaut und sich eingestehen muss, dass so kurz vor knapp auch nicht unbedingt über Airbnb eine passende Unterkunft ohne weiteres zur Verfügung steht. Der erste Eindruck von San Francisco war also etwas getrübt: Ignorante und unfreundliche Menschen? Und eine Stadt, die nur für Besserverdienende erreichbar ist? Zumindest ersteres hat sich glücklicherweise schnell als falsch herausgestellt – zum zweiten Punkte kommen wir noch.

Zur Hilfe kam uns nämlich Roman. Über Facebook habe ich einen mehr oder weniger verzweifelten Aufruf gewagt und mit Hilfe der Crowd nach einer vorübergehenden Bleibe gesucht. Der Deutsche, der in San Francisco das Startup twyxt gegründet hat, konnte uns kurzerhand das Zimmer seiner Schwester zur Verfügung stellen. Besser hätte es nicht kommen können: Ein Katzensprung vom zentralen Embarcadero entfernt, im siebten Stock gelegen, mit einer tollen Aussicht auf die Bucht, haben wir die beste Bleibe gestellt bekommen, die man sich nur wünschen konnte – danke an dieser Stelle noch einmal für die Unterstützung!

Hilfsbereitschaft und Respekt: Auch den Ärmsten gegenüber

Doch es war nicht nur Roman, der uns hier mit Rat und Tat und einer enormen Energie zur Seite stand. Egal wo wir einkehrten, egal mit wem wir sprachen, wir sind immer freundlichen und gutgelaunten Menschen begegnet – vom Taxifahrer über Cafe-Gäste bis hin zu Nachbarn, mit denen wir uns am hauseigenen Pool unterhalten haben. Dass die Menschen in San Francisco allgemein sehr hilfsbereit und aufgeschlossen sind, habe ich aber vor allem an einigen sehr prägnanten Situationen erkannt. Vor allem wie die Einwohner mit den unzähligen Obdachlosen in der Stadt umgehen, spricht Bände. Übriggebliebenes Essen, wird beispielsweise nicht einfach in die Tonne geworfen, sondern es wird gut eingehüllt auf einer Parkbank liegen gelassen, sodass eine hungrige Person sich direkt daran bedienen kann und nicht erst in einer Mülltonne danach suchen muss. Auch habe ich oft erlebt, dass das Essen direkt angeboten wurde. Dabei kam es hin und wieder zu einem Austausch – was das gerade für das Selbstwertgefühl der Obdachlosen bedeutet, kann man sich sicher denken. Toll, dass ich Zeuge von so viel Respekt werden durfte. In Deutschland beobachtet man zu oft, wie herablassend Bessergestellte gegenüber den Ärmsten der Armen sind. Da neidet der Durchschnittsdeutsche nicht selten schon die Asylhilfe, die Kriegsflüchtlingen geboten wird. Aber darum soll es hier nicht gehen.

Die Sache mit den Obdachlosen

Die vielen Obdachlosen sind übrigens allgemein etwas, das kaum übersehen werden kann. Sie sitzen überall – an den Pieren entlang des Fisherman Wharf, in den Häuserschluchten von Downtown sowie in den weiter südlich gelegeneren Ecken rundum dem Mission District. Warum das so ist, kann ich gar nicht genau sagen. Glaubt man einigen Google-Treffern so sind unter ihnen viele Menschen, die der Rausch des Summer of ´69 nie wieder losgelassen und als Drogensüchtige ausgespuckt hat. Auch habe ich gelesen, dass die liberalen Gesetze und die vergleichsweise fürsorgliche Haltung der Stadt über die Jahre viele Obdachlose aus dem Umland angezogen hat. Wie ich im Gespräch mit einem Einheimischen erfahren habe, kursiert sogar das Gerücht, dass umliegende Städte ihre Obdachlosen mit Bussen nach San Francisco fahren, um sie loszuwerden – das wäre dann eine ziemlich harte Nummer.

In einem Fall wollte ich es genau wissen: Als wir abends auf dem Heimweg waren, fiel mir ein junger Mann auf, der sich rein äußerlich von dem Großteil der Obdachlosen abgesetzt hat. Er saß mit relativ sauberen Klamotten und einem frischen Haarschnitt auf einer Parkbank, vor sich aufgestellt ein Schild mit der – hier übersetzten – Aufschrift: „Ich bin neu in der Stadt und suche einen Job. Jede Unterstützung hilft. Entschuldigung, dass ich Sie damit konfrontiere“. Im ersten Moment habe ich ihn für einen Rucksacktouristen gehalten, der scheinbar kurzerhand seine Bleibe und Geld verloren hat. Als ich ihn fragte, was mit ihm passiert sei, erzählt er mir seine Geschichte. Er ist Maurer und hat fünf Autostunden von San Francisco entfernt gelebt. Als er arbeitslos wurde und in seiner Gegend keinen neuen Job bekam, beschloss er auf gut Glück nach San Francisco zu fahren und in der Stadt nach Arbeit zu suchen – die Chance ist hier höher, meinte er. Sein Vater sitzt im Gefängnis und die Mutter schlägt sich wohl weiter nördlich im Land durch. Ein typischer Fall von „Scheiße viel Pech gehabt im Leben“. Er erzählte uns, dass er abends drüben im Park schläft, weil er sich in der Stadt keine Unterkunft leisten könne und dass er es hasse am Pier zu sitzen und betteln zu müssen – man sah ihm seine Verzweiflung deutlich an.

Wir haben uns noch ein wenig mit ihm unterhalten, ihm ein Lunchpaket sowie eine Flasche Wasser dagelassen und ihm schlussendlich alles Gute gewünscht. Einen Tag später saß er wieder an der gleicher Stelle, ich hab ihm etwas Geld gegeben und er hat sich sehr gefreut uns wiederzusehen. Ob er einen Job finden wird? Ich bezweifle es: Vermutlich wird er nach zwei, drei Wochen ähnlich mitgenommen aussehen wie seine Leidensgenossen. Die Chance, dann noch eine Arbeit zu bekommen, geht mit Sicherheit fast gegen null – ein Teufelskreis, von dem sicherlich viele hier ein Lied singen können.

Das Umland verbindet viel lebenswertes

Während unserer kurzen Zeit in Kalifornien, haben wir versucht so viel wie möglich in und um San Francisco zu sehen – natürlich haben wir ganz touristenmäßig die Hotspots der Stadt abgeklappert: Chinatown, Golden Gate Bridge, Alcatraz und so weiter. Dank unserem Gastgeber und Freunden in der Stadt sind wir aber auch mal etwas abseits der innerstädtischen Touristenpfade entlang gewandert. Besonders cool war ein Roadtrip, den wir entlang der Pazifikküste gemacht haben – durch das Silicon Valley hinauf in die Berge, vorbei an mächtigen Redwoods und der wilden Küste, die von Surfern besetzt gehalten wurde. Wir haben Zwischenstopp in Santa Cruz und Monterey gemacht und sind den 17-Mile-Drive nach Carmel entlang gefahren. Ich empfinde es als besonders lebenswert an San Francisco, dass rundherum eine extrem vielseitige Natur herrscht. Berge, Meer, Wald und Stadt in Kombination, halten eine Menge Optionen bereit, wenn es um Erholung und Freizeit der Menschen geht.

Deutsche Spuren im Stadtbild

Ebenfalls haben wir einen kleinen Einblick in einige Lokalitäten erhalten. Die aus Deutschland immigrierten Locals rundum Moritz, Roman und Ingo sowie der aus Detroit stammende Powen haben uns in das ein oder andere Lokal mitgenommen. Was mir hier besonders auffiel: Deutsche Impulse finden sich auch und gerade im Mission District zu Hauf. Deutsches Bier und deutsche Sprache – eine Bar in der wir einkehrten hieß beispielsweise „Gestalt Haus“, etwas entfernt war die „Werkstatt Motorcycle“. Das liegt auch und gerade daran, dass sich im Valley die bereits oben angerissene Technologie-Branche angesiedelt hat und auch viele deutsche IT-Talente dem Ruf von Facebook, Google und nicht weniger bedeutenden Firmen wie Jimdo gefolgt sind. Wohnen und nicht selten arbeiten tun die Internet-Schaffenden gerne in den Hip-Viertel rundum Mission oder Height-Ashburry. Dass Bars, Restaurants und andere Geschäfte sich auf die Bedürfnisse der Zugezogenen einstellen ist da nur eine logische Konsequenz.

Der Boom in San Francisco: Es gibt auch Verlierer

Was ich in dem Kontext auch festgestellt habe – allerdings mehr aus der Presse, als am konkreten Beispiel – ist, dass nicht alle Natives mit dem IT-Boom und den daraus resultierenden Andrang der Tech-Talente auf den Wohnungsmarkt zufrieden sind. Ein Problem, dass sich scheinbar viele Menschen gegenübersehen, hängt mit der stattfindenden Gentrifizierung in den oben erwähnten Vierteln zusammen. Die gutbezahlten Startup-Mitarbeiter sind bereit, auch für kleine Wohnungen und Zimmer, horrende Mieten zu zahlen – womit manch Einheimischer nicht mithalten kann. Die Folge ist Verdrängung. Ein Problem, dass leider in fast allen angesagten Städten auch in Deutschland stattfindet – beispielhaft ist da vor allem Hamburg und Berlin zu erwähnen mit den Vierteln St. Pauli oder Prenzlauer Berg oder Friedrichshain. Aber auch in München, Köln und Leipzig mehren sich Proteste gegen teure Mieten.

Der Kollege von der Süddeutschen Zeitung, Pascal Paukner, hat dazu einen interessanten Artikel geschrieben, den ich an der Stelle gerne einmal kuratieren möchte: „Boom und Streit in San Francisco: Sei nicht böse“. Wie ich von Roman und Moritz erfahren habe, wohnt Pascal – man kennt sich hier – ebenfalls in San Francisco und hat sich für seinen Artikel bei Einheimischen umgehört, wie sie die Zuwanderung empfinden. Einprägend war da vor allem das Statement eines Pizzabäckers:

„Sambath Heng betreibt hier (Height-Ashburry – Anm. upgrademeblog.com) seit 26 Jahren einen Pizzaladen. Er heißt Bus Stop Pizza, das Geschäft liegt genau an einer Bushaltestelle. Es ist eine jener Stationen, an der nun zwei Mal täglich die Karawanen der Internetunternehmen einfallen. Wenn irgendjemand abseits der Technikindustrie und der Transportunternehmen von den Bussen profitieren müsste, dann vermutlich Heng.

 

Doch wenn man ihn darauf anspricht, holt der 53-Jährige erst einmal tief Luft. Dann tritt er hinter seiner Ablage hervor und setzt wild gestikulierend zu einer Erklärung an. ‚Die ganzen Technikfirmen versorgen ihre Mitarbeiter doch mit kostenlosem Essen’, sagt Heng. Er profitiere davon überhaupt nicht. ‚Die steigen hier abends aus und gehen in ihre Wohnungen. Wenn sie überhaupt mal Essen gehen, dann gehen sie irgendwo hin, wo es teuer ist.’ Er merke nur, dass er immer weniger Umsatz mache, weil seine Stammkunden aus dem Viertel verdrängt würden. Zudem müsse er ständig mehr Miete zahlen. ‚Als ich hier angefangen habe, hat mich der Laden 500 Dollar im Monat gekostet. Jetzt sind es 3.200 Dollar. Wissen Sie, wie viele Pizzen ich dafür backen muss?’“

San Francisco ist auf jeden Fall ein teures Pflaster, wenn es um Unterkünfte geht. Die Mieten und Hotelpreise in der Stadt sind schwindelerregend hoch – wie mir zum einen auch Roman  bestätigen konnte und wir bei der Hotelsuche feststellten. Und auch die Grundstückspreise müssen heftig sein. Wir sind im Rahmen einer Radtour am San Francisco National Cemetery vorbeigefahren. Als ich mich abends ein wenig über den Ort belesen habe, konnte ich in Erfahrung bringen, dass der Militärfriedhof, die einzige Grabstätte in der Stadt ist, in der noch beerdigt wird. Da das Land im Stadtgebiet so teuer geworden ist, haben die Mitglieder des Stadtrats beschlossen, dass der wertvolle Boden nicht mehr für Beisetzungen genutzt werden darf. Beerdigungen finden nur noch am Stadtrand statt. Man kommt nicht umhin sich zu fragen: Tut sich da eine ganz neue Form von Gentrifizierung auf?

Technologie hat im Leben der Einheimischen einen festen Platz

Ein anderer Aspekt, der mir sehr zugesagt hat, ist das extrem ausgeprägte Gesundheitsbewusstsein der Menschen. Das zeigt sich zum einen in der Ernährung – hier wird viel Wert auf biologisch produziertes Essen gelegt und viele Menschen sind Vegetarier. Zum anderen joggen hier die Menschen viel. Egal ob Männer oder Frauen, Junge oder Alte und es scheint, als ob so gut wie jeder entweder Inhaber einer Fitnessstudio-Karte ist oder an irgendwelchen Aufbaukursen teilnimmt – Aerobic, Yoga und was die Sport-Nerds noch so treiben. Ein nicht kleiner Teil sieht dabei aus, als würde er Leistungssport auf hohem Niveau anpeilen. Viele Sportler haben kleine Fitness-Tracker am Arm, am Handgelenk oder an den Beinen und zeichnen ihren Herzschlag, die gelaufen Kilometer und verbrannten Kalorien auf, um sie wenig später am Rechner hochzuladen und die Daten auswerten zu lassen. Und auch das ist San Francisco: Technologien werden weitreichend eingesetzt, um das eigene Leben zu optimieren oder sollte ich lieber sagen zu quantifizieren?

Dass das Silicon Valley nur einen Steinwurf entfernt ist und San Francisco sich als herausragender Ort etabliert hat, wo neue Ideen am lebenden Beispiel getestet und ausgebaut werden können, zeigt sich auch an den vielen Sharing-Economy-Produkten, die ihren Ursprung in der kalifornischen Metropole haben. Mittels Smartphone-Apps wird hier alles geteilt – beispielsweise das Auto, der Parkplatz oder die Wohnung. Dinge, die nach und nach auch in Deutschland eine breite Akzeptanz im Mainstream erlangen.

Fazit (und tl;dr)

Alles in allem hat mir San Francisco sehr gefallen. Natürlich hat auch die Stadt ihre Probleme – wie sollte es auch anders sein. Vor allem aber, schätze ich die Zuversicht und Hilfsbereitschaft der Menschen, die ich während meines Aufenthalts erleben durfte. Ich glaube auch, dass die Stadt ein toller Ort zum Leben ist – wenn man das nötige Kleingeld hat. Schlussendlich freue ich mich auf einen weiteren Besuch. Hoffentlich dann etwas länger und hoffentlich mit noch mehr netten einheimischen Bekanntschaften.


Titelbild: Prayitno (CC BY 2.0)


4 Kommentare

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  2. Regine Andratschke · Februar 23, 2014

    Ich bin grade in San Fransisco und danke für die absolut gelungene Beschreibung! Mich hat das Problem der Obdachlosen sehr beschäftigt und ich erlebe hier auch eine so aufmerksame Höflichkeit den Obdachlosen gegenüber-aber auch generell miteinander. Allerdings habe ich das in New York auch so erlebt.-Da können wir in Deutschland oft lange nach suchen.Wir wohnen etwas abseits ziemlich hoch oben ,aber fantastisch über Airbnb bei so überwältigend wunderbaren Menschen,wir fühlen uns wie zu Hause.

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  4. Thomas · Februar 23, 2014

    Ein toller Beitrag zu dieser einzigartigen Stadt! Ich war mit meiner Freundin im letzten August das zweite Mal dort. Nicht nur die Lage an der Bay und die steilen Straßen machen San Francisco so besonders! Die Stadt hat irgendwie ihren ganz eigenen Flair. Entspannt, modern und freundlich… San Francisco ist immer einen Besuch Wert und sollte wirklich bei keiner Reise an die Westküste der USA fehlen!