#Neuland my ass…

…mehr ist dazu eigentlich nicht zu sagen. Aber ich fühle mich irgendwie doch herausgefordert, meine Sicht auf das brandheiße Internet und das „Neuland“-Zitat, etwas ausführlicher aufzuschreiben – anders als viele denken, ist das Netz für mich kein neues Ding mehr. Doch zuerst ein Eingeständnis an die Befürworter dieser Merkel’schen Blasphemie: Technologisch ist das Internet seit jeher einem stetigen Wandel unterzogen. Disruption führt beispielsweise dazu, dass Internetdienste kommen und gehen, dass ständig neue Technologien von ausgefuchsten Entwicklern erdacht und konzipiert werden und dass Standards die heute gelten, morgen bereits abgelöst werden können. Da kommt neuerdings beispielsweise HTML5 auf uns zu – dahingehend betreten wir derzeit tatsächlich Neuland und werden es auch mit anderen Technologien sicher noch einige Jahrzehnte tun.

ABER,

da ich das Netz nicht nur als eine Reihenfolge von Code-Schnipseln ansehe, sondern inzwischen auch als einen öffentlichen Raum, in dem Menschen nun schon seit mindestens 15 Jahren auf hohem Niveau untereinander kommunizieren, einkaufen, sich unterhalten lassen, Waren austauschen, Bankgeschäfte machen, arbeiten und so weiter, kann ich die Meinung, dass das Netz so brandneu ist, nicht unterzeichnen. Schon 2006 – also vor sieben Jahren – hat die EU verlautbart, dass bereits 49 Prozent der damals rund 500 Millionen EU-Bürger sich einen Zugang zum Netz verschafft haben. 2012 waren es schon satte 76 Prozent, die sich im Internet bewegen. Drüben in den USA hat Shawn Fanning vor 15 Jahren Napster entwickelt und die Musikbranche krachen lassen. Vor 15 Jahren ging zudem Google an den Start und ist heute die zweitwertvollste Marke der Welt. Nur Apple lag 2013 noch vor Google – huch ist das nicht auch ein Unternehmen, das im und um das Internet sein Geld verdient? Und wie wird man zur wertvollsten Marke? Wenn keine Sau das Unternehmen kennt? Keiner einen Cent für deren Produkte zahlt? Wohl kaum.

Das Netz ist also für Unternehmen und ihre Kunden darin, zumindest in hochentwickelten Ländern (wie Deutschland) kein Neuland mehr. Ich wage zu behaupten, dass jeder einzelne der oben genannten 76 Prozent weiß, was eine Suchmaschine ist und wie man sie bedient, oder das jeder einzelne in touch mit den Platzhirschen der Digital-Wirtschaft à la Google, Microsoft, Apple, Amazon oder Yahoo! ist. Zu sagen, dass das Internet FÜR UNS ALLE Neuland ist, ist gesellschaftlich und ökonomisch gesehen falsch. Dafür nutzen es einfach viel zu viele Menschen, viel zu vielfältig, als dass es sich im Rookie-Status befinden könne. Meine Meinung.

Das Problem an der Sache aber vielmehr ist – wenn man so etwas aus dem Mund einer Kanzlerin hört – dass die Ansage eigentlich ein Armutszeugnis darstellt: Die Merkel’sche Regierung hat keinen blassen Schimmer von der Welt da draußen, keine Ahnung, was für einen Stellenwert das Netz tatsächlich hat. Sie vernachlässigt die digitalen Belange komplett und schafft keine sinnvollen Rechtsgrundlagen für eine Gesellschaft, die im Internet lebt und arbeitet. Sie versucht nicht einmal den Anschein gegenüber den USA aufrecht zu erhalten, dass wir konkurrenzfähig sind mit unserem Wissen um das Web. Das Armutszeugnis wird umso deutlicher, wenn sie das Internet im Rahmen der PRISM-Affäre (denn darauf wollte sie ja eigentlich hinaus – wir erinnern uns), als Gefahr für unsere Art zu leben ansieht. Das Internet als Basis für Terroristen, um unsere gesellschaftliche Grundordnung zu zerstören? Die Basis für terroristische Aktivitäten ist nicht das Internet, sondern das Ausbeuten, Diskriminieren, Bekriegen und Töten anderer Volksgruppen. Da sollten sich die Regierungen, nicht zuletzt die Amerikaner, aber auch die europäischen Staatsführer einmal mit beschäftigen. Das Internet als Keimzelle, wir müssen es überwachen. Wahrscheinlich sollten wir einfach den „Aus“-Knopf betätigen, nicht wahr? Frau Merkel?

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Titelbild: (Screenshot YouTube)


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