Ein Jahr ohne Internet: Und es gab doch keine Erlösung

Das Internet hat einen großen Einfluss auf unsere Gesellschaft eingenommen und ist in fast alle Bereiche unseres Lebens eingezogen. Wir lernen im Netz, arbeiten darin, kaufen ein, informieren uns und treffen dort sogar Freunde. Das Netz kennt auch keine Grenzen. Wir wollen sehen, was der Kumpel am Strand von Koh Samui so treibt? Wollen an einer Demonstration in New York teilnehmen? Oder mal beim Glastonbury Festival in England vorbeischauen? Im Grunde alles kein Problem und nur einen Klick entfernt.

Befürworter der digitalen Infrastruktur erkennen diese Vorteile und sprechen schon mal von einer der größten Errungenschaft der Menschheit. Doch es gibt auch negative Stimmen. Die, die im Netz den Zerfall traditioneller Werte erkennen wollen. Ihre Argumentation: Die Personen, die sich zu sehr an das Internet hängen, nehmen am realen Leben gar nicht mehr teil. Einem Festival vom heimischen Rechner aus beizuwohnen, ist nun einmal nicht das Gleiche, als ob man selber dabei ist. Viele glauben auch, dass wir einen Großteil unserer Hirnarbeit ins Netz auslagern und dass wir verlernen selber zu denken. So ist nicht zuletzt der Hirnforscher Manfred Spitzer vor einigen Monaten kokettierend durch die deutschen Talkshows gewandert und hat die „Digitale Demenz“ proklamiert, wenn er davon sprach, dass wir mit Google und Wikipedia unser Hirn nicht mehr auffordern sich selber etwas zu merken. Immer mehr Kritiker sprechen auch davon, dass das Netz uns ausbrennt – Burnout als Folge der ständigen Erreichbarkeit?

Doch wo genau liegt nun die allumfassende Wahrheit? Lässt das Netz uns verkommen oder macht es uns zu einer effizienteren Gesellschaft? Verlernen wir darin das Mensch-sein oder stellen wir einfach nur weitere Möglichkeiten der zwischenmenschlichen Interaktion auf? Ist das Digitale schlussendlich ein Fluch oder doch ein Segen?

Ein Experiment am lebenden Beispiel

Schon Anfang des Monats, ist mir die Geschichte von dem „The-Verge“-Redakteur Paul Miller in den Feed gespült wurden, der diesen Fragen für sich persönlich nachgehen wollte. Miller ist ein Technik-Journalist und ein Großteil seines Lebens verbringt er schon alleine von Berufs wegen im Internet. Immer auf der Suche nach neuen Informationen und Geschichten. Denn unter seinesgleichen gilt: Ist die eine Story geschrieben, muss die Nächste aufbereitet werden. Am besten noch während man an der aktuellen Geschichte arbeitet. Neuigkeiten müssen in diesem Geschäft nämlich in Echtzeit – also während sie geschehen – formuliert werden.

Der Grund ist ganz einfach: Im Social Web, also an Millers Arbeitsplatz, beginnt der Kampf um das Interesse der Leser mit der Aktualität der Nachricht. Das wissen Verlage, Blogs und ihre menschlichen Speerspitzen an den Tastaturen. Bei vielen Schreiberlingen löst dieses Dauerfeuer jedoch hin und wieder ein Gefühl aus, also ob man sich in einem Hamsterrad bewege. Egal wie schnell man läuft, man bewegt sich nicht von der Stelle. Und das Erreichen der Ziellinie, hängt immer auch mit einem Neustart zusammen. Bisweilen kann das schon sehr unbefriedigend sein.

Auch Paul Miller empfand sich nach einiger Zeit wie in so einem Hamsterrad. Er war nach langjähriger Arbeit in diesem Geschäft erschöpft. Fühlte sich ausgebrannt. Begann dieses Internet irgendwie als negativen Pol für sich zu entdecken und tat das, was jeder halbwegs vernünftige Mensch in seiner Situation tun würde und was ihm wahrscheinlich auch jeder Netz-Kritiker von Anfang an geraten hätte: Er zog wortwörtlich den Stecker und hat sich vom Netz losgesagt – zumindest zeitweise, um seinen Stresspegel wieder runterzufahren. Sein Arbeitgeber hinderte den Redakteur auch nicht daran. Viele mögen jetzt glauben, eine solche Entscheidung kann langfristig gerade in den USA, wo sich die Geschichte abspielte, eigentlich nur eine Kündigung provozieren. Jedoch haben die Verantwortlichen bei „The Verge“ aus Pauls Ausstieg ein Experiment gemacht: Ein Jahr ohne Internet. Gespannt auf das Fazit.

Der bessere, realere Paul?

„I’m supposed to be more „real“. More perfect.“, schrieb der heute 27-jährige in seinen zusammenfassenden Artikel. Mehr reales Leben, klingt eigentlich gut oder? Freunde treffen, die Eltern besuchen, einfach mal in der Sonne liegen, ohne ständig von dem blinkenden E-Mail-Signal auf dem Smartphone gestört zu werden oder zu schauen, was der Kumpel auf Koh Samui im Facebook so schreibt. Die Hoffnung offline zu einem besseren Paul Miller zu werden war groß. Der Internet-Junkie ging mehr an die Luft, was seinem Körper gut tat. Er trieb Sport, nahm dadurch satte 15 Pfund ab und im Endeffekt habe sich das auch auf seinen Geist ausgewirkt. Paul sprach beispielsweise von einer gefühlt-längeren Aufmerksamkeitsspanne. Er genoss diesen Tapetenwechsel einige Monate lang und war auf einmal wieder zufrieden. Doch dann, nach einiger Zeit, stellte sich ein ganz anderes Gefühl ein. Eines, dass er so noch gar nicht kannte: das der Langeweile. Ihm fehlte etwas. Etwas für ihn ganz Wichtiges.

Was war passiert? Im Grunde hat Paul es geschafft, dass auch sein Nonliner-Leben mit der Zeit alltäglich wurde. Die ständigen Fahrradtouren fingen an ihn zu nerven. Um sich davon zu erholen, hing er wieder öfters auf der Couch und starrte in den Fernseher. Aus der anfänglichen Abwechslung entwickelte sich jedoch ein ganz neues Laster: Paul wurde faul. So faul, dass er keine Ambitionen mehr hatte rauszugehen. Er hing wieder nur lustlos an der Mattscheibe. Zwar nicht im Netz, aber an dem Bildschirm seines Fernsehers. Pauls Erkenntnis nach dem einjährigen Experiment: „My problems are much more internal than external“. Auch Offline ist nicht alles Gold was glänzt.

Was lernen wir daraus?

Nun lädt die Frage nach dem daraus Gelerntem natürlich wieder zu vielen verschiedenen Antworten und Meinungen ein. Manch einer mag jetzt behaupten, Paul hätte seine Aktivitäten sicherlich fortgeführt, wenn er auch den Fernseher ausgestöpselt hätte. Die Technik ist wieder einmal schuld daran, dass er sich von essentielleren Dingen abgewendet hat. Ein anderer wird sagen, dass das Internet ihm zuvor wenigstens eine Aufgabe gegeben hat, die ihn mit Leib und Seele erfüllte: Er war begeisterter Netz-Journalist und sein Herz brannte immerhin für etwas. Langeweile war ihm bisher unbekannt. Die Geschichte, also wieder nur ein weiterer endloser Diskussionspunkt an dem Netz-Enthusiasten und Kulturpessimisten sich aneinander reiben können?

Für mich kristallisiert sich hier vor allem eines ganz klar heraus. Nämlich dass es zu allererst einmal eines nicht gibt: Einen besseren und realeren Paul. Es gibt nur Paul. Und zwar mit all seinen Vorzügen, aber auch all seinen Lastern. Ob online oder offline spielt da eigentlich gar keine Rolle. Das Zweite – und damit komme ich mal wieder auf die anfangs gestellte These zurück – was ich aus der Geschichte herauslese ist, dass das Netz uns gar nicht zu besseren oder schlechteren Menschen machen kann. Denn das Internet ist in erster Linie nur ein Konstrukt. Eine Infrastruktur, die uns mit einander verbindet und die uns an Dingen teilhaben lässt. Wie die Post. Wie eine Autobahn. Oder eine Eisenbahnstrecke. Beides hat natürlich für eine Gesellschaft eine nicht von der Hand zuweisende Relevanz. Allerdings macht uns weder die Post, noch eine Autobahn, noch ein Zugstreckennetz zu besseren oder schlechteren Menschen. Schon damals habe man am Auto kritisiert, dass wir uns weniger bewegen werden. Stimmt, aber liegt das am Auto? Oder liegt das am Fahrer?

Jeder von uns kann selber entscheiden, wie oft oder wie wenig er das Internet nutzen möchte. Jeder kann selber entscheiden, ob er beispielsweise seinem Kumpel auf Koh Samui lieber eine Nachricht auf Facebook oder einen Brief schickt oder sich selber gar einen Flug bucht, um ihn dort zu besuchen. Oder ob man den Freund einfach während seines nächsten Besuches zu einem Grillabend einlädt, um mit ihm von Angesicht zu Angesicht über das dort erlebte zu sprechen. Jeder von uns kann auch selber entscheiden, ob er das Netz fragt, wenn er etwas nicht weiß oder ob er in die nächstgelegene Bibliothek fährt oder eben seine schlauen Großeltern fragt.

Das Internet ist weder Fluch noch Segen. Das Internet ist. Was du daraus machst, liegt ganz bei dir.

Paul Millers Geschichte im Video:

[youtube https://www.youtube.com/watch?v=2PEALS5IJe4]

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